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Ulrich Petzold (CDU)

Anrede,

erlauben Sie mir mein Erstaunen darüber zum Ausdruck zu bringen, dass persönliche Betroffenheit in einer 08/15 Serienmail zum Ausdruck gebracht wird. Ich gehe daher davon aus, dass Sie meine Erwiderung kaum interessieren wird, trotzdem will ich gern den mail-Adressaten meines Wahlkreises antworten, allerdings auch nur mit einer Serienmail.

In Ihrem Schreiben behaupten Sie, dass eine 100%-ige Stromversorgung mit erneuerbaren Energien bereits 2050 möglich wäre. Sicherlich haben die Urheber der mail diese Information aus dem ersten Teil des Berichtes des Sachverständigenrates für Umweltfragen entnommen. Ich bezweifle jedoch, dass Sie diesen Bericht jemals persönlich gelesen haben. Wir haben diesen Bericht vom Mai 2010 in dieser Woche erhalten und haben uns in unserer heutigen Umweltausschusssitzung erstmalig damit befasst. Leider hatten die von uns bezahlten Sachverständigen nur eine halbe Stunde Zeit für uns, da sie es vorzogen, zur Bundespressekonferenz zu gehen, um dort mit den Journalisten zu sprechen, statt uns erst einmal die Ergebnisse zu erläutern. Ein Minister wäre bei gleichem Sachverhalt schwer von uns gerügt worden, bzw. hätte sich eine solche Missachtung des Parlaments wohl kaum geleistet.

In den Ausführungen des Sachverständigenrates wurde, wie auch von Ihnen behauptet, ausgeführt, dass eine Vollversorgung mit Windkraft und Sonnenenergie möglich wäre. Allerdings beruht in der Hauptvariante die Berechnung darauf, dass bis zu 100% des Energiebedarfs Deutschlands aus Speicherwasserkraftwerken in Norwegen gedeckt würde.

Dass Norwegen beträchtliche Potentiale in der Wasserkraft besitzt, ist mir seit mindestens 2 Jahren von einem Besuch her bekannt. Bereits damals hatte uns der größte norwegische Energiekonzern auf diese Möglichkeiten hingewiesen. Bei Gesprächen mit norwegischen Parlamentskollegen wurden wir jedoch darauf hingewiesen, dass es in Norwegen ein gesetzliches Verbot gibt, die Wasserkraft weiter auszubauen und dass nicht eine Partei im norwegischen Parlament daran denkt, dieses Verbot aufzuheben. Auch alle norwegischen Umweltverbände, mit denen wir das Gespräch führen konnten, haben einen Ausbau der Wasserkraft abgelehnt. Ich weiß daher nicht, wie der Sachverständigenrat zu seiner Aussage einer so weit gehenden Nutzung der norwegischen Wasserkraft kommt. Utopische Vorschläge helfen uns jedoch bei den vor uns liegenden Problemen nicht weiter.

Weiterhin ist für mich fraglich, wie der Sachverständigenrat in seinem Gutachten zu der Behauptung kommt, wir könnten die norwegische Wasserkraft exklusiv für die Lösung deutscher Energieprobleme nutzen. Es wäre allen nicht geholfen, würde Deutschland seine Energie zu 100% aus erneuerbaren Quellen beziehen, während wir andere dazu zwingen, bei ihrem ursprünglichen Energiemix zu bleiben.

Sicherlich ist Ihnen bekannt, dass Strom in Kernkraftwerken zu einem Preis von 2,6 Ct./KW und in Braunkohlekraftwerken zu einem Preis von 2,4 Ct./KW erzeugt wird. Auch wenn der Uranpreis von derzeit 40,- US $ auf 240,- US $ stiege, würde sich dass auf Grund der geringen Brennstoffkosten nur mit etwa 1 Ct./KW auswirken. Der Sachverständigenrat hat uns heute erläutert, dass bei der günstigsten Betrachtungsweise, der vollen Einbeziehung der norwegischen Wasserkraft ein Erzeugungspreis von 7,6 Ct./KW und bei einer autarken deutschen Energieversorgung mit deutlich über 11 Ct./KW gerechnet werden muss. Wenn Sie wissen, dass heute 1/10 Cent in den Energiekosten über die Ansiedlung von Industrien entscheiden, können Sie sich sicherlich ausmalen, was in unserer Heimat nicht nur mit der Chemieindustrie geschehen würde. Wer also noch industrielle Arbeitsplätze in Deutschland halten will, sollte beim Spiel mit den Energiepreisen doch wesentlich vorsichtiger sein. Das Beispiel Griechenland zeigt, dass nicht alle im öffentlichen Dienst arbeiten können. Es muß auch noch Menschen geben, die das entsprechende Geld dafür verdienen.

Ich kann Ihnen versichern, dass wir außerordentlich sorgfältig mit der Studie umgehen werden und sicherlich eine ganze Reihe von Anregungen aufgreifen. Ich bin mir jedoch sicher, dass das Ziel der Koalition im Jahr 2050 80% des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen zu decken bereits sehr ambitioniert ist. Sollten sich tatsächlich auch neue Technologien als gangbarer Weg erweisen, wäre gerade die CDU/CSU bei der bekannten Technologiefreundlichkeit Vorreiter für den Einsatz dieser Technologien. Haben Sie jedoch bitte auch Verständnis, dass uns auch der Erhalt der deutschen Wirtschaft und damit der Arbeitsplätze auch in unserer Heimat sehr am Herzen liegt, ansonsten vermittle ich Ihnen auch gern einmal ein Gespräch mit Arbeitnehmern der Elektroschmelze Zschornewitz. Es ist für mich schon verwunderlich, dass Sie nicht wissen sollten, dass der von Ihnen angesprochene Stromexport fast ausschließlich durch die Einspeisung von Windkraftstrom in lastschwachen Zeiten zustande kommt. Sachsen-Anhalt produziert zum Beispiel in lastschwachen Zeiten und gutem Wind mit Windkraftanlagen mehr Strom, als es selbst verbraucht. Die Netzbetreiber müssen für die Ableitung dieses Stromes in andere Netze sehr oft mit einem negativen Strompreis Strafgebühren bezahlen. Was Ihnen in der Beziehung weisgemacht wird, ist also der reine Humbug. Es ist mir daher ein Anliegen Sie zu bitten, dass Sie Mails, die sie weiterleiten, erst einmal auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen und sich nicht selbst damit blamieren.

Mit freundlichen Grüßen

Ulrich Petzold

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